Dienstag, 6. September 2016

The Next Deathwish von Marc Vorlander

The Next Deathwish (USA 2013) von Marc Vorlander
Inhalt laut DVD-Cover (und nur laut dem, denn der Film hat damit nicht sehr viel zu tun): Mysteriöse Morde führen zwei FBI-Agenten von L. A. nach New York. Doch sie sind nicht die einzigen, die nach dem Täter suchen: Ein geheimnisvoller Sensei und Chel, die Tochter des berühmten New-York-Rächers, durchstreifen ebenfalls die Straßen von Manhattan auf der Suche nach wichtigen Hinweisen. Chel wird immer tiefer in ein fragwürdiges Milieu hineingezogen. Sie taucht ab in eine Welt aus Sex und Drogen, bevor sich endlich der Kreis schließt und die Schuldigen in der Hölle brennen...

The Next Deathwish von Marc Vorlander
Bevor ich mit der eigentlichen Rezension des vorliegenden Films beginne, möchte ich mich bei einem Menschen entschuldigen, dem ich offensichtlich schweres Unrecht getan habe. Ich hoffe, Marcel Walz liest diese Zeilen:

"Lieber Marcel!

In meinem letzten Review zu einem deiner Filme habe ich einige sehr unschöne Dinge gesagt. So habe ich z. B. behauptet, dass man dir Zucker in den Allerwertesten bläst, wenn man dich einen talentierten deutschen Regisseur nennt. Dafür möchte ich mich in aller Form entschuldigen. Egal, welche Unzulänglichkeiten deine Filme auch immer haben mögen: Sie haben immer einen Anfang, einen Mittelteil und einen Schluss. Du kennst die klassische Dreiaktstruktur, weißt, wie man die Kamera hält und manche Dinge in Szene setzt. Du setzt dieses Wissen zwar nicht immer richtig um, aber hey, es ist zumindest vorhanden. Leider wusste ich das früher nie zu schätzen. Marc Vorlander und seine Vollkatastrophe von einem "Film" waren diesbezüglich ein brutaler Lehrmeister. Warum dem so ist und was man in 60 Minuten Film alles falsch machen kann, kannst du - gemeinsam mit allen anderen - hier nachlesen.

Reuevoll,
Dein Udo"

Und jetzt kommen wir zu Vorlanders Deathwish. Auf der DVD-Schachtel steht etwas von einer Lauflänge von etwa 60 Minuten (laut Vorlander übrigens die optimale Länge für einen Film). Das ist glatter Betrug. Der "Film" (und ich verwende dieses Wort nur unter Protest) beginnt nämlich mit einem Monolog von Allan A. Goldstein über den von ihm inszenierten Death Wish V aus dem Jahr 1994. Stolz präsentiert Goldstein die Originalwaffe aus dem Film, die er immer noch besitzt und spätestens ab diesem Moment bemerkt man Vorlanders fehlendes Gespür für Bildkomposition. Nicht nur, dass man aufgrund der seltsamen Perspektive das Gefühl hat, vor Goldsteins Schreibtisch zu knien, hält dieser die Waffe ständig so, dass sie maximal halb im Bild zu sehen ist. Jeder andere Regisseur hätte hier schon unterbrochen und Goldstein gesagt, dass er das Ding bitte etwas höher halten soll, aber nichts da, wir dürfen die Waffe wohl nicht sehen. Dieser Vortrag nimmt schon ganze sechs Minuten Film in Anspruch.
Danach folgt ein sechsminütiger Vorspann, bei dem man Ken Kensei beim Ausführen der immer gleichen Schwertkampftechniken bewundern darf. Stoppt ihr noch mit? Damit bleiben noch maximal 48 Minuten "Film" So geht es munter weiter, Vorlander verwendet immer wieder Füllmaterial, um die Laufzeit zu strecken. Der Höhepunkt dieser Vorgehensweise kommt nach etwa 10 Minuten, als Vorlander mal eben mehrere Minuten von seinem Vorgänger-Machwerk "Showgirls Exposed" zeigt, die gleichzeitig einen aktuellen Mord in Next Deathwish UND Werbung für seinen Showgirls-Film darstellen sollen. Krönender Abschluss dieser Farce ist die Einblendung einer Texttafel: "Showgirls Exposed. A Photoplay by Marc Vorlander". Ja, ihr habt richtig gelesen. Vorlander macht Werbung für sich selbst via Texttafel, indem er in "The Next Deathwish" einfach eine Werbeeinschaltung für "Showgirls Exposed" tätigt. Dem ist echt nichts zu peinlich. Das gilt auch für die Tatsache, dass Marc Vorlander und Oliver Krekel (dessen DigiDreams Studio die DVD herausgebracht hat) dieses Machwerk tatsächlich als Film vermarkten, obwohl genau 26 Minuten originales Material für diesen Streifen entstanden sind. Der Rest besteht aus Füllszenen aus anderen Filmen (wie eben "Showgirls Exposed"), Stock Footage der Stadt New York und anderen sinnlos aneinander gereihten Szenen. Nein, das ist keine Kunst, das ist offen zur Schau gestelltes Unvermögen.
Dass Vorlander sein Handwerk nicht beherrscht, zeigt sich nicht nur in der hilflosen  Art und Weise, mit der er sein Archivmaterial mit den für den Film entstandenen Szenen kombiniert. Der Herr Regisseur hat keinerlei Auge für wichtige Details. Beispiel gefällig? Der Film spielt (wofür es genau genommen keinen vernünftigen Grund gibt) in den 90ern. Schön und gut, dann wäre es aber besser, wenn im Hintergrund nicht ständig Leute mit ihren Smartphones durch die Gegend laufen (einer bleibt sogar stehen und macht ein Foto mit seinem Handy). Das ist doch "etwas" anachronistisch und die Kleidung der Protagonisten sieht auch verdächtig modern aus.


Inszenierung? Abwechslung? Brauchen wir nicht!
"Ich stelle eine Kamera hin und betätige den Aufnahmeknopf." - Würde Vorlander seinen Stil ehrlich beschreiben, er käme über diesen Satz nicht hinaus. Vorlander kennt bei Dialogszenen aus Prinzip nur eine Einstellung: Die Halbtotale, bei der die Kamera offenbar noch in den Boden eingemauert wurde. Da tut sich absolut gar nichts und besonders schmerzhaft ist das in jenen Szenen, in denen die Dialoge nicht gehört werden können und nur diese repetitive Elektromucke von Fernando Abrantes läuft. Da kommt dann zur unbeweglichen Kamera noch unerträgliche Musik dazu. Generell ist Vorlanders bevorzugtes Stilmittel, Dialoge einfach stumm zu schalten und mit Musik zu unterlegen, mit der Zeit einfach nur nervtötend.
Selbst wenn man die SchauspielerInnen beim Reden gehört hätte, bezweifele ich allerdings, dass das Ergebnis weniger enervierend gewesen wäre. Das liegt nur zum Teil an den absolut talentlosen Knallchargen (darunter ein gewisser Tom Rumpf, der in allen Diskussionen im Netz einen treuen Robin zu Vorlanders Batman spielt), sondern auch an der fehlenden Anleitung, die man jeder Szene ansieht. Das ist alles einfach nur hingeschludert worden, ohne jedes Verständnis für das filmische Handwerk. Den bemerkenswertesten Werdegang von Vorlanders Cast hat die weibliche Hauptrolle, Francesca DiPaola, hingelegt. Die hat mit Vorlander noch "Candy's Room" und ein Jahr nach "Deathwish" noch "Bongo: Killer Clown" mit Vorlander-Intimus Geraldine Winters gedreht. Ihr nächster Credit ist dann "The Sisterhood: Becoming Nuns", eine Reality-TV Show, in der es darum geht, dass eine Gruppe junger Frauen Nonnen werden möchte. Sie ist eine von ihnen. Ich kann sie gut verstehen.
Zum schlechten Film kommt dann auch noch eine fehlerhafte DVD-Produktion. Das verzerrte Bild tut schon sehr in den Augen weh, hier wurde eindeutig das falsche Bildformat auf die Scheibe gepresst. Oder haben die tatsächlich allesamt diese Eierköpfe? Ich hoffe doch nicht. Vom stumpfen Ton des Audiokommentars und der miserablen Tonqualität des Filmes (die aber auch auf Vorlanders Kappe gehen könnte), fange ich am besten gar nicht erst an.

Selbstbeweihräucherung und Größenwahn
Ich habe ja weiter oben schon angemerkt, dass Oliver Krekel mit DigiDreams diesen Film hierzulande auf DVD vertreibt. Ich kann nur sagen: Da haben sich die zwei Richtigen gefunden. Wenn ich mein Interview mit Krekel hier mit Torsten Dewis Vorlander-Interview vergleiche, erkenne ich durchaus Ähnlichkeiten in der Persönlichkeitsstruktur. Selbstbeweihräucherung und die Herabwürdigung von Kritikern steht bei beiden an der Tagesordnung, andere zu erniedrigen ist für beide die einzige Möglichkeit, sich selbst größer zu fühlen. Nirgendwo sieht und hört man das besser als beim Audiokommentar von Marc Vorlander zu "The Next Deathwish". Die erste halbe Stunde verbringt Vorlander gleich einmal damit, allen zu erzählen, was für ein visionärer Künstler er nicht ist. dass sein Spleen, mit künstlichen Alterungseffekten zu arbeiten, eine "totale Negation des Pixelwahns" sei (Vorlander mag kein HD), dass er in seinen Filmen immer nur echte Schusswaffen einsetzt (ich freu mich jetzt schon darauf, wenn er mal einen zweiten Brandon Lee produziert) und wie berühmt er jetzt bereits für seine Kameraarbeit ist. Dann entblödet er sich nicht, zu behaupten, dass er und Krekel die einzigen international bekannten Independentfilmer aus dem deutschsprachigen Raum sind und man in Los Angeles nur Petersen, Emmerich, Krekel und ihn selbst kennen würde. Der hält sich echt für berühmter als zum Beispiel Tom Tykwer oder Stefan Ruzowitzky. Dabei schafft er es nicht einmal, Uwe Boll das Wasser zu reichen. Zu guter Letzt schwurbelt Vorlander noch davon, dass Amerika über Deutschland lachen würde, weil in Deutschland das Waffenrecht viel zu streng sei und dass die EU viel zu viel Geld in sinnlose Projekte wie den Euro stecke (fragt nicht).
In der zweiten Hälfte des Filmes wird der Kommentar dann richtig widerlich. Ich habe oben bereits das Interview von Torsten Dewi verlinkt, das dieser mit Marc Vorlander geführt hat. Wenn man sich die Kommentare durchliest, kann man gut beobachten, wie Vorlanders fragliche Behauptungen in sich zusammenbrechen, er (Vorlander) nicht damit klar kommt und immer mehr mit Beleidigungen und Verleumdungen um sich wirft. Genau damit macht er hier weiter und es ist ihm anscheinend nicht zu niveaulos, seinen damaligen Interviewer Torsten Dewi erst als geifernden Hater hinzustellen (was selbstverständlich nicht die Wahrheit ist) und hinterher quasi aus zweiter Hand als Arschloch zu bezeichnen, indem er sinngemäß "Geraldine Winters hat gesagt, er ist ein Arschloch" sagt. (Dass das natürlich auch nicht stimmt, muss ich hoffentlich nicht extra dazu sagen, oder?) Vorlander bestätigt durch sein letztklassiges Verhalten nur das Bild, das ohnehin schon jeder von ihm hat, der seinen Namen googelt und danach die ersten paar Ergebnisse liest: Ein niveauloser Mensch, der nur noch in seiner eigenen Welt lebt.
Apropos Geraldine Winters: Diese Frau spielt bei der "Karriere" von Marc Vorlander eine interessante Rolle. Vorlander gibt ja immer wieder mit den Preisen an, die er mit seinen Werken beim "Jersey Gore Festival" gewonnen hat (unter anderem blendet er sie groß vor dem Beginn des Filmes ein) und erzählt jedem, der es hören will (oder auch nicht), wie toll und wichtig dieses Festival sei. Nun, dann wollen wir uns doch einmal die Fakten ansehen: Die Webseite des Festivals? Nicht mehr erreichbar. Festivals nach dem Jahr 2013? Fehlanzeige. Das Jersey Gore Festival fand genau zweimal statt und danach nie wieder. Viel interessanter ist aber, dass Geraldine Winters, die Drehbuchautorin für Vorlanders Film "Candy's Room", die Gründerin dieses Festivals war. Ein Schelm, wer nun denkt, dass sie ihrem Amigo die Preise zugeschanzt hat.

Kein Film, keine Kunst
Zurück zum Film selbst: Vorlanders Machwerk als solchen zu bezeichnen, fällt mir sehr schwer. Das liegt nicht daran, dass Vorlander sich mit Absicht den Konventionen des Mediums verweigern würde, wie er das gerne behauptet. Es liegt daran, dass er diese Konventionen schlichtweg nicht versteht und sie daher auch nicht umsetzen kann. Ich glaube ihm auch nicht, dass er Arthouse-Filme machen will. Vielmehr bin ich der Überzeugung, dass Vorlander sehr gerne ein großer Mainstream-Regisseur wäre. Er schafft es aber nicht, einen kohärenten Film zu drehen und ist verzweifelt, da er immer noch von Hollywood und der großen Karriere träumt. Jetzt redet er sich eben selbst ein, er mache bahnbrechende Kunstfilme für ein kleines Publikum. Deshalb wehrt er sich auch so stark gegen jegliche Kritik von außen, die dieses Luftschloss zum Einsturz bringen könnte. Wenn er nicht ständig Menschen persönlich angreifen würde, täte er mir leid. So ist The Next Deathwish lediglich ein Zeugnis dessen, was Vorlander alles nicht kann: Er kann keine Schauspieler anleiten, er hat keine Ahnung von Kameraführung oder davon, wie man verschiedene Filmquellen (also hier zum Beispiel Stock Footage, Material aus anderen Filmen und neu gedrehtes) sinnvoll verbindet und Drehbücher kann er auch keine schreiben.

Fazit zu The Next Deathwish
Schade um das verschwendete Filmmaterial. Aus psychologischer Sicht ist Film dennoch interessant, aber nur mit eingeschaltetem Audiokommentar. Hier kann man regelrecht dabei zuhören, wie jemand immer mehr in seine eigene Welt abdriftet.


Und zum Drüberstreuen gibt es hier noch ein Video von Kampfsportwunder und Vorlander-Kumpel Jörg Bergmann (falls ihr es nicht wisst: Vorlander ist außerdem noch weltbester Waffenhändler und hat mit Bergmann die Kampfsportart "Anti-Terror-Response" entwickelt). Rubrik: Sachen zum Lachen:



Ich habe zwar nur von 2000 bis 2004 JuJitsu gemacht, aber sogar ich kann sehen, dass die Kicks grundfalsch ausgeführt werden.

Und hier noch ein Song von Fernando Abrantes, den er gemeinsam mit Vorlander produziert hat:


Und diese Ohrenfolter stellt euch mal ausgedehnt auf 60 Minuten vor....

Montag, 25. Juli 2016

Die Präsenz - Kann ein Ort böse sein? von Daniele Grieco

Die Präsenz - Kann ein Ort böse sein? (Deutschland 2014) von Daniele Grieco
Der Anthropologiestudent Markus möchte gemeinsam mit seiner Freundin Rebecca und seinem besten Freund Lukas eine Nacht in einer verlassenen Burg verbringen, in der es spuken soll. Markus möchte die Chance nutzen, paranormale Geschehnisse auf Video zu bannen, und baut überall im Schloss Kameras auf. Markus und Lukas beschließen, dort eine ganze Woche zu überwachen, Rebecca wird von dieser Idee erst unterwegs in Kenntnis gesetzt. Sich unbefugt Zutritt zu verschaffen, stellt für das Trio kein größeres Problem dar, und so richten sie sich für die Nacht ein. Was als Spaß beginnt, wird schnell blutiger Ernst: Etwas Dämonisches geht in der Burg um und die Ereignisse geraten außer Kontrolle...


Und täglich grüßt das Found Footage-Murmeltier. Ich sollte mehr auf Subgenres achten, wenn ich mir Horrorfilme kaufe. Das Positive zuerst: Der Film hat eine schöne Location. Das wars mit dem Positiven. Die Negativ-Liste wird "etwas" länger.
Zunächst einmal ist es ärgerlich, dass das atmosphärische Fleckchen Erde, an dem dieser Film gedreht wurde, durch das Herumgewackel mit der Kamera meist überhaupt nicht zur Geltung kommt. Das bemerkt man aber ohnehin nur am Rande, man ist nämlich die ganze Zeit damit beschäftigt, den an den Nerven zehrenden Dialogen zuzuhören, bei denen man sich schon nach ein paar Minuten wünscht, die Protagonisten mit den Köpfen gegeneinander schlagen zu können.Wenn die Zeit nicht gerade mit blödem Gerede totgeschlagen wird, kommt Grieco den Zuschauern mit Schockeffekten daher, die selbst für Paranormal Activity zu langweilig gewesen wären. Für Menschen, die einen Fetisch für knarzende Türen und dumpfe Klopfgeräusche haben, ist "Die Präsenz" allerdings eine wahre Goldgrube.

Ein totes Genre
In den Extras der Blu Ray gibt Regisseur und Drehbuchautor Daniele Grieco ein vielsagendes Interview. Darin stellt er die These auf, dass das Genre "Found Footage" noch lange nicht tot sei und noch viel Leben in dieser Art von Film stecken würde. Leider muss ich hier widersprechen und Griecos Film ist mein bester Beweis dafür, dass "Found Footage" tot und begraben ist. "Die Präsenz" könnte man, wenn man nicht wüsste, dass er nicht als solches gedacht ist, glatt als deutsches Remake von "Blair Witch Project" bezeichnen. Drei junge Menschen, zwei männlich einer weiblich, wollen mit ihren Kameras einer lokalen Spuklegende auf den Grund gehen. Erst beobachten wir sie dabei, wie sie alles vorbereiten, dann passieren langsam die ersten unerklärlichen Dinge, die immer mehr überhand nehmen, die drei drehen durch, gehen aufeinander los und werden schließlich massakriert. Seit gut 19 Jahren gibt es nun vermehrt diese Art von Film im Mainstream und wir sind immer noch nicht weiter als 1997. Da hat sich nichts weiterentwickelt und ich habe starke Zweifel, dass das jemals der Fall sein wird.

Fazit zu "Die Präsenz"
Daniele Grieco wollte mit seinem Film beweisen, dass "Found Footage"-Filme noch Neues zu bieten haben können. Gelungen ist ihm leider das Gegenteil.

Sonntag, 24. Juli 2016

The Gallows von Travis Cluff & Chris Lofing

The Gallows (USA 2015) von Travis Cluff und Chris Lofing
Vor zwanzig Jahren starb ein Schüler bei der Aufführung eines Schultheaterstückes bei einem spektakulären Unfall (sagen wir es mal so: Bei dieser Vorstellung wurde der Tod durch Erhängen auf äußerst realistische Weise dargestellt - alles für die Kunst, oder was?). Das Jubiläum dieses Todesfalls will die nun aktuelle Theatergruppe begehen, indem sie dasselbe Stück wieder aufführen (den Galgen dafür haben sie schon aufgebaut - sehr pietätvoll). In der Nacht vor der Aufführung kriegt der Darsteller der männlichen Hauptrolle kalte Füße. Deshalb hält er den Plan seines Freundes Ryan, im Theater einzubrechen und alles zu demolieren, damit die Vorstellung abgesagt werden (Krank melden ist wohl keine Option?) und er sich nicht vor der versammelten Schüler- und Elternschaft zum Depp der Woche machen muss. Schnell stellen die beiden (die auch noch eine Schulkollegin im Schlepptau haben) fest, dass sie in dem Gebäude nicht allein sind. Denn jemand hat alle Türen verriegelt und macht nun Jagd auf sie...


(Spoilerwarnung) Ich werde mich hier nicht mit langen Einleitungen aufhalten: Von all den Found Footage Filmen, die ich auf dieser Seite bisher besprochen habe, hat "The Gallows" die mit Abstand dümmste Prämisse von allen: Ich habe ja schon viele bescheuerte Ideen gehört, aber welche Gruppe von Jugendlichen filmt sich bitte selbst bei einem Einbruch die ganze Zeit hindurch? Und das noch mit der Kamera, mit welcher der Arbeitsfortschritt am Theaterstück und am Abend das Stück selbst festgehalten werden soll? Die fordern es ja geradezu heraus, erwischt zu werden. Natürlich gibt es auch in "The Gallows" jede Menge Szenen, die kein normaler Mensch mehr filmen würde. Mein persönlicher Favorit ist diejenige, in der eines der Mädchen verzweifelt versucht, eine der verschlossenen Türen auf zu bekommen und der werte Herr der Schöpfung daneben steht und filmt, während sie sich vor seiner Nase abrackert. Von den Szenen, in denen die Clique vor ihrem Mörder weg rennt und vom jeweiligen "Kameramann" immer wieder ZURÜCK gefilmt wird, damit wir verwackelte Bilder vom Verfolger sehen, rede ich da noch gar nicht. Das nenne ich mal "Um die eigene Ermordung betteln".
Schauspielerisch wird bestenfalls Magerkost geboten. Reese Mishler, Pfeifer Brown und Ryan Shoos haben vor allem mit ihrer mangelnden Erfahrung und unrealistischen Dialogen zu kämpfen. Einzig Cassidy Gifford konnte schon vor "The Gallows" einen nennenswerten Filmcredit vorweisen: Sie hat in Harold Cronks Christen-Propagandastreifen Gott ist nicht tot die nervige Freundin des Protagonisten gespielt. Vom Rest des Casts hier hebt sie sich trotzdem in keiner Weise ab.
Wenn das Drehbuch nicht gerade bekannte Found-Footage-Klischees durchkaut, kommt es mit eigenen Blödheiten um die Ecke, die allesamt aus der Kategorie "Dumme Menschen tun dumme Dinge, um irgendwie die Spannung zu erhalten" stammen. Wenn Reese am Ende vor einer offenen Tür steht, hinter ihm die offenbar verletzte Pfeifer (bevor ihr fragt: Die Filmcharaktere haben großteils die gleichen Vornamen wie die SchauspielerInnen, die sie verkörpern) heult, rennt er natürlich kurz zurück um nach ihr zu sehen, das ist klar. Wieso der ehemalige Footballspieler dann aber minutenlang neben ihr sitzen bleibt und das weibliche Fliegengewicht nicht einfach hochhebt und mit ihr zur Tür rennt, wissen wohl nur Travis Cluff und Chris Lofing. Mit dem Twist am Ende schaffen die beiden es schließlich endgültig, dass man mit dem Kopf voran gegen den nächsten Türpfosten rennen will (der wird hier aber nicht verraten). Das Duo ist hier nicht nur für das Drehbuch, sondern auch für die Regie verantwortlich. Leider muss gesagt werden, dass den beiden auch inszenatorisch nichts einfällt, damit "The Gallows" aus der Masse von Found Footage-Filmen irgendwie heraussticht. Wütend macht einen dafür die Entstehungsgeschichte des Prologs aus dem Jahr 1993: So wurden die realistischen Reaktionen auf den Theaterunfall 1993 dadurch erreicht, dass man dem Theaterpublikum schlicht nicht erzählt hat, dass hier ein Unfall mit dem Galgen passieren wird. Die haben alle geglaubt, dass der Teenager auf der Bühne tatsächlich in akuter Lebensgefahr schwebt, die Panik der Menschen war echt. In den Extras der Blu Ray erzählt Travis Cluff dann noch davon, wie großartig es gewesen sei, dass alle so geschockt waren. Kunststück, die haben ja auch alle geglaubt, dass hier gerade ein Mensch vor ihren Augen stirbt, du Spaßvogel!
Apropos Blu Ray: Darauf findet man auch die Urfassung des Filmes, die sich in zwei Punkten vom Endprodukt unterscheidet: Erstens ist sie um einige Dialogszenen länger und zweitens wird Cassidy Giffords Rolle von einer anderen Frau gespielt. Das ändert alles nichts am Film, der bleibt furchtbar.
Noch kurz etwas zur Prämisse des Films: Ich habe mich die ganze Zeit über gefragt, warum keiner im Lauf des Films die Frage stellt, ob es wirklich eine gute Idee ist, 20 Jahre nach diesem tragischen Unfall wieder jemanden unter den exakt selben Umständen im Theater am Galgen (der sogar identisch aussieht) baumeln zu lassen? Ich finde das nicht sehr pietätvoll.

Fazit zu The Gallows
"The Gallows" ist ein durch und durch durchschnittlicher, manchmal auch dämlicher, Horrorfilm. Nein danke, sag ich da nur. Next!

Sonntag, 10. Juli 2016

Arbeitsnachweis

Ich habe hier schon wirklich lange nichts mehr geschrieben. Das hat vor allem einen Grund: Eine wirklich großartige Auftragslage in letzter Zeit. Die Artikel habe ich mit meiner Kollegin Sandra Knopp in Teamarbeit produziert. Hier ist ein kleines "Best of":

In "Mehr Schein als Sein im Prekariat" geht es um die Frage, wie wenig Spielraum prekäre Jobverhältnisse für die soziale Absicherung lassen.

"Löchriger Schutzschild" behandelt die Frage, wie sicher unser Pensionssystem ist.

"Drunter geht's nicht" bietet einen Überblick über Mindestlöhne in Europa.

Ein Artikel im Magazin Granatapfel beschäftigt sich mit dem Thema "Urban Gardening".


Wir waren aber nicht nur im Printbereich fleißig. Eine ganze Radiosendung haben wir der Fußball-EM gewidmet. Ein Interview mit Toni Polster ist genauso dabei, wie ein historischer Beitrag über das österreichische "Wunderteam" der 30er Jahre und eine Reportage über Pannini-Stickersammler: Fußball-Radiosendung Dort können auch unsere Sendungen zum Thema Medien und Journalistenausbildung nachgehört werden.

Außerdem möchte ich noch auf unsere nächste Radiosendung hinweisen. Sandra Knopp hat sich dafür nach Salzburg begeben und das Alpine Peace Crossing mitgemacht, wo Wanderer den Weg jener jüdischen Flüchtlinge nachgehen, die nach dem Zweiten Weltkrieg über den Krimmler Tauern nach Italien und von dort nach Palästina flohen. Zeitzeugen und Geflüchtete von heute erzählen dabei ihre Geschichten. Die Sendung kann am 25. Juli um 20 Uhr 30 auf Ö1 Campus und danach auf KMA.at angehört werden. Ich kann euch jetzt schon sagen: Sie wird hochinteressant.

Montag, 20. Juni 2016

Pause

Sorry für die längere Pause hier. Es waren zwei sehr arbeitsreiche Monate. Ich werde in den nächsten Tagen mal alles verlinken, wo ich in der Zeit meine Finger mit drin hatte, damit ihr sehen könnt, was ich in dieser Zeit so getrieben habe.

Samstag, 9. April 2016

Stummer Wächter von Dirk Hardegen und Detlef Tams

Stummer Wächter - Ein Hörspiel nach einem Skript von Franjo Franjkovic
Max Blanke gilt als paranoid, schizophren und autoaggressiv. Seit 15 Jahren ist er bereits als Patient in der Taunusklinik, sein Arzt Dr. Vosshagen hat ihn bereits als nicht behandelbar abgeschrieben. Trotz allabendlicher Fixierung an seinem Bett, wacht Blanke am jeweils nächsten Morgen mit immer neuen Verletzungen auf, was sich weder sein Pfleger Holger noch Dr. Vosshagen erklären können. Es steckt aber scheinbar noch mehr hinter Blankes Fall: Die Polizei verdächtigt ihn, eines Nachts den Flughafen im Alleingang lahmgelegt zu haben. Mehrere Zeugen, ein Phantombild und das Video der Überwachungskameras stützen diese Theorie. Die Überwachungsvideos der Klinik belegen aber, dass Blanke die ganze Zeit an sein Bett fixiert in seinem Zimmer war. Gibt es Max Blanke zweimal?





(kleine Spoilerwarnung voraus) Ohrenkneifer bringt mit "Stummer Wächter" ein Hörspiel auf den Markt, das in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert ist. Zunächst ist es die erste Koproduktion von Dirk Hardegen und Detlef Tams bei einem Label, das sich - anders als viele Konkurrenten - der Produktion von Einzelhörspielen und nicht von Serien verschrieben hat. Franjo Franjkovic wirft in seinem Skript eine in meinen Augen interessante Frage auf: Was wäre, wenn in den ganzen geschlossenen Anstalten und Sanatorien nicht nur psychisch kranke Menschen, sondern auch solche mit falsch gedeuteten, besonderen Begabungen sitzen würden? Franjkovics Geschichte wird von Hardegen und Tams gekonnt in Szene gesetzt, der Klangraum ist so detailreich ausgestaltet, dass man sich manche Szenen am liebsten dreimal hintereinander anhören möchte. Das liegt auch an Hardegens Musik, die sich perfekt an jede Sequenz anpasst und zwischen vornehmer Zurückhaltung und antreibender Power, wenn es notwendig ist. Die Detailverliebtheit und Sorgfalt, mit der hier gearbeitet wurde, ist in jeder Sekunde zu hören.
So richtig faszinierend wird die Geschichte aber erst mit dem Protagonisten. Obwohl Blanke mit seiner Fähigkeit Leben rettet, fühlt er sich seinem Schicksal doch ausgeliefert und ist tagsüber seinem ihm gegenüber feindselig eingestellten Arzt hilflos, da dieser nur noch daran interessiert ist, ihn mit Medikamenten ruhig zu stellen und in der Klinik wie einen Gefangenen zu halten. Hoffnung schöpfen darf Blanke erst, als mit Frau Dr. Lichte eine engagierte Ärztin die Tagesschicht übernimmt, da diese Dr. Vosshagens Anweisung, Blanke einfach weiter mit Medikamenten vollzustopfen, bewusst ignoriert und dem Patienten helfen möchte. Dieses Spannungsfeld zwischen Blankes totaler Hilflosigkeit tagsüber und seiner Fähigkeit, in der Nacht Unmögliches zu vollbringen, zieht die Hörer sofort in seinen Bann. Wenn man an dem Hörspiel etwas bemängeln möchte, dann höchstens, dass Robert Missler als Erzähler eine Spur zu oft eingesetzt wird. Dennoch bringen er, Detlef Tams als Max Blanke, Tom Steinbrecher, Gordon Piedesack und Katja Pilaski hervorragende Leistungen in ihren Rollen.

Fazit zu Stummer Wächter
Mit "Stummer Wächter" ist den Machern bei Ohrenkneifer ein Hörspiel gelungen, das ich mir auch in 20 Jahren noch begeistert anhören werde. Es ist das beste Hörspiel dieses an guten Hörspielen schon davor sehr reichen Labels. Von mir gibt es eine klare Empfehlung.

Donnerstag, 7. April 2016

Wyrmwood - Road of the Dead von Kiah Roache-Turner

Wyrmwood - Road of the Dead (Australien 2014) von Kiah Roache-Turner
Das Leben von Barry (Jay Gallagher), eines durchschnittlichen Familienmenschen, wird über Nacht zu einem Albtraum, als seine Familie (und mit ihr auch der Rest der Welt) von Zombies angegriffen wird. Barry schafft es mit seinem Anhang nur sehr knapp, der ersten Angriffswelle zu entgehen. Trotzdem werden seine Frau und seine Tochter krank und verwandeln sich in kürzester Zeit in Zombies. Barry schafft es, beide endgültig ins Jenseits zu befördern. Von den Erlebnissen traumatisiert, versucht Barry, irgendwie zu seiner Schwester (Bianca Bradey) zu gelangen, um zu sehen, ob es ihr gut geht. Dass er, ohne zu wissen warum, nach kurzer Zeit auch das Militär im Nacken hat, ist da nicht sonderlich hilfreich. Da kommen ihm die neuen Verbündeten, die er unterwegs trifft, gerade recht...

Da sich der Trailer erfolgreich gegen jede Einbettung wehrt, verlinke ich ihn hier: Wyrmwood - Road of the Dead.

Wyrmwood - Road of the Dead
Hin und wieder brauche ich einfach eine gediegene Portion Funsplatter. Da will ich einfach nur einen Film sehen, in dem möglichst viele Köpfe explodieren und dabei meinen Spaß haben. Da ich aber nicht jedes Mal "Braindead" einlegen kann, wenn ich mal wieder in so einer Stimmung bin, brauche ich natürlich regelmäßig neue Filme.
Um es kurz zu machen: "Wyrmwood - Road of the Dead" liefert alles, was ich mir von dem Film erhofft habe. Action, Splatter, blöde Sprüche: Das ist alles im Übermaß vorhanden. Und was soll ich sagen? Ich hatte mit Wyrmwood einen Heidenspaß. Roache-Turner und seine Komplizen steckten nicht nur jede Menge Herzblut und kreative Einfälle in den Film - sie haben außerdem das Talent, diese entsprechend unterhaltsam umzusetzen. Während deutsche Splatter-Regisseure hier wohl eine weitere schlecht gemachte Wald- und Wiesen-Blutorgie gedreht hätten (und man sich bei jedem zweiten Effekt irritiert gefragt hätte, ob denen gerade eine Ketchupflasche unter dem Hemd explodiert ist), sieht Wyrmwood nicht nur aufgrund der eingesetzten HD-Kameras wie ein richtiger Film aus: Die Effekte sind toll umgesetzt und die schauspielerischen Leistungen sind, vor allem im Vergleich mit den bereits angesprochenen deutschen Filmen ähnlicher Machart, durch die Bank passabel.
Roache-Turner scheint nicht allzu viel davon zu halten, seinen Protagonisten und den Zuschauern Zeit zum Luftholen zu lassen. Er steigt ab Minute 5 aufs Gaspedal und bewegt seinen Fuß bis zum Abspann keinen Millimeter davon weg. Ich bin zwar dafür, dass man in eine Geschichte hin und wieder ruhigere Szenen einbauen sollte, um so zumindest ein wenig Anlauf für die nächste Actionszene nehmen zu können, Roache-Turner wirft aber dermaßen mit Schauwerten um sich, dass man gerne auf die Ruhepausen verzichtet.
Um noch einmal auf die deutschen Filme zurück zu kommen: Roache-Turner und Co haben diesen Film über vier Jahre hinweg immer nur an den Wochenenden produziert.Es ist schon eine Leistung, unter solchen Bedingungen einen Film abzuliefern, der nicht voller Anschlussfehler ist und dem man diese lange Drehdauer nicht anmerkt. Da frage ich mich schon, wie man es hierzulande immer wieder schafft, Filme zu drehen, die dermaßen hingeschludert aussehen, dass der sprichwörtlichen Sau graust.

Fazit zu Wyrmwood - Road of the Dead
"Wyrmwood - Road of the Dead" ist der perfekt Party-Splatterfilm. Hirn aus, Bierdose auf, Blu Ray in den Player und los gehts!